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 Gemeinwohl-Ökonomie

www.gemeinwohl-oekonomie.org

Idee

Die „Gemeinwohl-Ökonomie“ ist ein wirtschaftliche Systemalternative zu kapitalistischer Markt- und zentraler Planwirtschaft, ein vollständiger Dritter Weg und zum Teil auch eine Synthese aus den beiden großen historischen Entwürfen.

Der Autor und politische Aktivist Christian Felber hat in seinem Buch „Neue Werte für die Wirtschaft. Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus“ 2008 die Grundlagen ausgearbeitet. Daraufhin bildete sich ein Kreis von UnternehmerInnen, die das Modell gemeinsam mit Felber weiterentwickelt und mit einem Namen versehen haben.

Die „Gemeinwohl-Ökonomie“ ist tendenziell eine Form der Marktwirtschaft, in der jedoch die Motiv- und Zielkoordinaten des (privaten) unternehmerischen Strebens „umgepolt“ werden – von Gewinnstreben und Konkurrenz auf Gemeinwohlstreben und Kooperation.

Zeitgenössische Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Alternative entgegen tief sitzender Vorurteile gut mit der „Menschennatur“ vereinbar ist. Mehr noch: Die Gemeinwohl-Ökonomie baut auf genau den Werten auf, die unserer zwischenmenschlichen Beziehungen gelingen lassen: Vertrauensbildung, Verantwortung, Mitgefühl, gegenseitige Hilfe und Kooperation.

Diese humanen und nachhaltigen Verhaltensweisen werden gemessen („Gemeinwohl-Bilanz“) und belohnt, mit einer Fülle von Anreizen und „systemischen Aufschaukelungen“: das Marktstreben wird „ethisch umgepolt“.

Heute gilt Finanzgewinn als allentscheidendes Kriterium für unternehmerischen Erfolg. In der Gemeinwohl-Ökonomie muss nicht „letztendlich das Geld“ stimmen, sondern die Gemeinwohl-Bilanz. Dann geht es den Menschen und allen Wesen gut.

Das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie – 15 Eckpunkte

Wertebasis der Gemeinwohl-Ökonomie

  1. Gemeinwohlstreben und Kooperation
  2. Gemeinwohlbilanz
  3. Ziel und Zweck des Wirtschaftens
  4. Rechtlicher Anreizrahmen für Gemeinwohlstreben und Kooperation
  5. Verwendung bilanzieller Überschüsse
  6. Optimale Größe jenseits von Wachstums- und Fresszwang
  7. Begrenzung von Einkommens- und Vermögensungleichheiten
  8. Vergesellschaftung und regionale Wirtschaftsparlamente
  9. Demokratische Allmenden
  10. Demokratische Bank
  11. Demokratie neu denken und ergänzen
  12. Demokratische Konvente
  13. Bildung neu denken und ergänzen
  14. Andere Führungsqualitäten

1. Die Gemeinwohlökonomie beruht auf denselben mehrheitsfähigen Werten, die unsere Beziehungen gelingen lassen: Vertrauensbildung, Kooperation, Wertschätzung, Demokratie, Solidarität. (Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sind gelingende Beziehungen das, was Menschen am glücklichsten macht und am stärksten motiviert.)

2. Der rechtliche Anreizrahmen für die Wirtschaft wird von Gewinnstreben und Konkurrenz umgepolt auf Gemeinwohlstreben und Kooperation. Unternehmerischer Erfolg wird umdefiniert von Gewinn- auf Gemeinwohlstreben.

3. Das Gemeinwohl wird in einem Demokratischen Konvent definiert und in der Verfassung verankert. Gemessen wird das Gemeinwohl in der neuen Hauptbilanz aller Unternehmen: der Gemeinwohlbilanz. Die Gemeinwohlbilanz besteht aus „harten“ = messbaren Kriterien für soziale Verantwortung, ökologische Nachhaltigkeit, demokratische Mitbestimmung und Solidarität gegenüber allen „Berührungsgruppen“ (Stakeholder).

4. Die Finanzbilanz wird zur Nebenbilanz. Kapital wird vom Zweck zum Mittel. Es dient nur noch dazu, den Unternehmenszweck (aller Unternehmen) zu erreichen. Darin enthalten sind Einkommen aller im Unternehmen Beschäftigten bis zum 20-fachen des gesetzlichen Mindestlohnes.

5. Die Gemeinwohlbilanz besteht aus verbindlichen Mindeststandards und Anreizen für freiwillige Höherleistungen. Die sozialsten, ökologischsten, demokratischsten und solidarischsten Unternehmen erhalten jedoch rechtliche Vorteile und können dadurch ihre – höheren – Kosten leichter decken: niedrigere Steuern, Zölle, günstigere Kredite, Vorrang beim öffentlichen Einkauf und bei Forschungsprogrammen, …

6. Bilanzielle Überschüsse dürfen verwendet werden für: Investitionen (mit sozialem und ökologischem Mehrwert), Rückzahlung von Krediten, Rückstellungen in einem begrenzten Ausmaß; Ausschüttung an die MitarbeiterInnen (bis zum 20-fachen des Mindestlohns) sowie für zinsfreie Kredite an Mitunternehmen; nicht verwendet werden dürfen Überschüsse für: Ausschüttung an Personen, die nicht im Unternehmen mitarbeiten; feindliche Aufkäufe anderer Unternehmen; Investitionen auf den Finanzmärkten (diese gibt es nicht mehr).

7. Da Gewinn nur noch Mittel, aber kein Ziel mehr ist, können Unternehmen ihre optimale Größe anstreben. Sie müssen nicht mehr Angst haben, gefressen zu werden und nicht mehr wachsen, um größer, stärker oder profitabler zu sein als andere. Alle Unternehmen sind vom allgemeinen Wachstums- und vom wechselseitigen Fresszwang erlöst.


8. Die Einkommens- und Vermögensungleichheiten werden begrenzt: die Maximal-Einkommen auf das 20-fache des gesetzlichen Mindestlohns; Privatvermögen auf 10 Millionen Euro; das Schenkungs- und Erbrecht auf 500.000 Euro pro Person; bei Familienunternehmen auf zehn Millionen Euro pro Person. Das darüber hinaus gehende Erbvermögen wird als „Demokratische Mitgift“ an alle Nachkommen der Folgegeneration verteilt: gleiches „Startkapital“ bedeutet höhere Chancengleichheit.


9. Großunternehmen über 250 Beschäftigten gehen teilweise in das Eigentum der Beschäftigten und der Allgemeinheit über, über 5.000 Beschäftigten zu hundert Prozent. Die Öffentlichkeit wird durch dafür gewählte Abgeordnete „regionaler Wirtschaftsparlamente“ vertreten. Die Regierung hat keinen Zugriff auf öffentliche Unternehmen.

10. Das gilt auch für die „Demokratischen Allmenden“, die dritte Eigentumskategorie neben der großen Mehrheit (kleiner) Privatunternehmen und eines kleinen Anteils von gemischt-besessenen Großunternehmen. „Demokratische Allmenden“ sind Grundversorgungsbetriebe im Bildungs-, Gesundheits-, Sozial-, Mobilitäts-, Energie- und Kommunikationsbereich: die „Daseinsvorsorge“

11. Eine wichtige Demokratische Allmende ist die „Demokratische Bank“. Sie dient wie alle Unternehmen dem Gemeinwohl und wird wie alle Demokratischen Allmenden vom demokratischen Souverän kontrolliert und nicht von der Regierung. Ihre Kernleistungen sind garantierte Sparvermögen, kostengünstige Kredite, ökosoziale Risikokredite sowie kostenlose Girokonten. Die Finanzmärkte in der heutigen Form wird es nicht mehr geben.

12. Die repräsentative Demokratie wird ergänzt durch direkte Demokratie und partizipative Demokratie. Der Souverän muss seine Vertretung korrigieren, selbst Gesetze initiieren und beschließen und wichtige Bereiche der Wirtschaft – wie die Banken – kontrollieren können.


13. Neben dem demokratischen Wirtschafts- oder Gemeinwohlkonvent werden weitere Konvente für die Vertiefung der Demokratie einberufen: Bildungskonvent, Medienkonvent, Daseinsvorsorgekonvent.


14. Um die Werte der Gemeinwohl-Ökonomie ähnlich tief in der neuen Generation zu verankern wie heute das sozialdarwinistische und kapitalistische Menschenbild, schlage ich fünf neue Pflichtgegenstände vor: Gefühlskunde, Wertekunde, Kommunikationskunde, Demokratiekunde und Naturerfahrens- oder Wildniskunde.


15. Da in der Gemeinwohl-Ökonomie unternehmerischer Erfolg eine ganz andere Bedeutung haben wird als heute und deshalb ganz andere Führungsqualitäten gefragt sein werden, werden die sozial verantwortlichsten und kompetentesten, die zum Mitgefühl und zur Empathie fähigen, die über sich hinaus sozial und ökologisch denkenden und fühlenden Menschen tendenziell nachgefragt werden und als Vorbilder gelten.

 

2. Gemeinwohl-ÖKonomie - das Wirtschaftsmodell der Zukunft

C. Felber, Deuticke Verlag 2010

Die Gemeinwohl-Ökonomie fördert und belohnt dieselben Verhaltensqualitäten und Werte, die unsere menschlichen und ökologischen Beziehungen gelingen lassen. Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen.

Die freie Marktwirtschaft beruht hingegen auf den Grundwerten Gewinnstreben und Konkurrenz. Die Kombination aus Gewinnstreben und Konkurrenz befördert jedoch Egoismus, Gier, Geiz, Neid, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit.

Die Werte sind wie ein Leitstern, der unserem Lebensweg eine Richtung vorgibt. Aber wenn unser Leitstern des Alltags in eine ethische Richtung weist – Vertrauensbildung, Kooperation, Teilen – und plötzlich in einem Teilbereich des Lebens, der Marktwirtschaft, ein zweiter Leitstern in die exakt entgegengesetzte Richtung –Egoismus, Konkurrenz, Gier – dann bricht in uns ein heilloser Widerspruch auf.

Bis heute bildet die Annahme, dass die Egoismen der Einzelakteure durch Konkurrenz zum größtmöglichen Wohl aller gelenkt würden, den Legitimationskern der kapitalistischen Marktwirtschaft. Aus meiner Sicht ist diese Annahme jedoch ein Mythos und grundlegend falsch.

Ein Machtgefälle in privaten Tauschbeziehungen wäre nicht das geringste Problem, wenn alle einander mit Achtung und dem Vorsatz der Wahrung der Würde entgegen treten würden. Denn dann würde die mächtigere Person der weniger mächtigen Person auf Augenhöhe begegnen, sie sehen und ihre Bedürfnisse und Gefühle genauso ernst nehmen wie die eigenen; und erst mit dem Ergebnis zufrieden sein, wenn beide damit gut leben können. Doch in der kapitalistischen Marktwirtschaft werden die Mächtigeren geradewegs dazu ermutigt, ihren Vorsprung, das Machtgefälle, auszunützen, denn daraus – aus dem Streben nach dem eigenen Vorteil und der daraus resultierenden Konkurrenz- ergibt sich erst die Effizienz des freien Marktes…. Eines noch: wenn wir auf dem Markt ständig befürchten müssen, von unseren Nächsten übervorteilt zu werden, sobald sie dazu in der Lage sind, wird noch etwas ganz Wesentliches systematisch zerstört: das Vertrauen. Die Ökonomen sagen: Das macht nichts, denn in der Wirtschaft geht es um Effizienz. Doch das ist eine Perversion der Dinge, denn das Vertrauen ist das höchste soziale und kulturelle Gut, das wir kennen. Vertrauen ist das, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält – nicht die Effizienz.

Die 10 Krisen des Kapitalismus

1. Konzentration und Missbrauch von Macht

2. Ausschaltung des Wettbewerbs und Kartellbildung

3. Standortkonkurrenz

4. Ineffiziente Preisbildung

5. Soziale Polarisierung und Angst

6. Nichtbefriedigung von Grundbedürfnissen und Hunger: Die Befriedigung der Grundbedürfnisse ist nicht das Ziel des Kapitalismus, sondern die Vermehrung des Kapitals. Das führt in vielen Fällen dazu, dass Grundbedürfnisse, die mit keiner Kaufkraft ausgestattet sind, nicht gestillt werden (Nahrung, Bildung, medizinische Versorgung)

7. Umweltzerstörung

8. Sinnverlust

9. Werteverfall

10. Ausschaltung der Demokratie

Kapital soll nur ein Mittel sein, aber seine Vermehrung nicht der Zweck eines Unternehmens oder einer Unternehmensgründung; Kapital soll möglichst gleich verteilt sein, insbesondere beim Eintritt ins Erwerbsleben (Chancengleichheit); das Erwerben von Kapitalbesitz soll grundsätzlich an persönliche Leistung und Verantwortung gekoppelt sein; die Kapitalrendite soll denjenigen zugutekommen, die zu ihrer Entstehung durch Arbeit beigetragen haben.

Eigentum : Relative Begrenzung der Einkommensungleichheit (z.B. zwanzigfach), Begrenzung der Privatvermögen (z.B. 10 Mio. €), Grössengrenze für Unternehmen (z.B. ab 250 Mitarbeiter 25% Stimmrechte an Mitarbeiter, ab 5000 Mitarbeiter zu 100% in Eigentum der Mitarbeiter/Allgemeinheit), Begrenzung des Erbrechts (z.B. 500.000€) und demokratische Mitgift z.B. 200.000€)

Freiheit und Gleichheit: Gleichheit im Sinne des gleichen Rechts aller Menschen auf Leben, Chancen und Freiheiten ist ein höherer Wert als Freiheit, weil die zu große Freiheit der einen die Freiheit anderer gefährdet. Gleichheit ist ein absolutes Prinzip, Freiheit ein relatives.

Die Gemeinwohl-Ökonomie – der Kern

Umpolung des Anreizrahmen: In Zukunft soll auch in den Wirtschaftsbeziehungen die humanen Grundwerte, die das menschliche und gemeinschaftliche Leben gelingen lassen, gefördert und belohnt werden.

Unternehmerischen Erfolg neu definieren: Ein Unternehmen ist nicht länger erfolgreich, wenn es einen hohen Finanzgewinn erzielt, sondern wenn es einen größtmöglichen Beitrag zum Gemeinwohl leistet. Da es Konsens ist, dass die Wirtschaft als Ganze für das Wohl aller sorgen soll, sollten wir das Streben von Unternehmen grundsätzlich so ausrichten, dass sie diesen Wunsch nicht nur als unsicheres Nebenprodukt abwirft, sondern direkt als Ziel anpeilen.

Gemeinwohl definieren durch Wirtschaftskonvent. Die Grundwerte eines demokratischen Gemeinwesens sind in den meisten Verfassungen am Beginn verankert. Und spätestens hier wird auch ersichtlich, das Finanzgewinn kein Wert an sich sein kann, weil er von den Einzelnen in der Hoffnung auf die Befriedigung anderer (Grund-)Bedürfnisse.

Gemeinwohl messen. Wer sich sozialer, ökologischer, demokratischer, solidarischer verhält, sollte es leichter haben als der Asoziale und Rücksichtlose! Er müsste – nach heutigem Verständnis – einen Wettbewerbsvorteil genießen.

Die Gemeinwohlbilanz: die Gemeinwohlbilanz übersetzt die zentralen gesellschaftlichen Wertvorstellungen, die im Wirtschaftskonvent definiert wurden, in messbare Kriterien. Dadurch kann klar und unmissverständlich festgestellt werden, wie sozial verantwortlich, ökologisch nachhaltig, demokratisch und solidarisch ein Unternehmen sich verhält.

Gemeinwohlstreben belohnen: niedrigerer Mehrwertsteuersatz (0-100%), niedriger Zolltarif (0-1000%), günstigere Kredit bei der Demokratischen Bank, Vorrang bei öffentlichen Einkauf und Auftragsvergabe, Forschungskooperationen mit öffentlichen Universitäten, direkte öffentliche Förderung

Gewinn als Mittel : Da Gewinne sowohl nützlich als auch schädlich sein können, werden sie differenziert auf bestimmte Verwendungen begrenzt, um das Überschießen des Kapitalismus – Akkumulation um der Akkumulation willen – in eine sinnvollere Richtung umlenken.

Erlaubte Verwendungen von Überschüssen: Investitionen sollen nur noch getätigt werden, die einen sozialen oder ökologischen Mehrwert schaffen. Dafür müsste – analog zur Kostenkalkulation von heute – eine Gemeinwohlkalkulation angefertigt werden. Rückstellungen für Verluste. Aufstockung des Eigenkapitals auf 100%. Ausschüttung an die Mitarbeiter. Leihgabe an Mitunternehmern.

Nicht erlaubte Verwendungen von Überschüssen: Ausschüttung an Eigentümer, die nicht im Unternehmen arbeiten; Firmenaufkäufe- und Fusionen; Finanzinvestments, Parteispenden;

Die demokratische Bank

Ziele und Leistungen : Kostenloses Girokonto, Unbeschränkte Garantie der Spareinlagen, kostengünstige Kredite für Privathaushalte und Unternehmen bei ökonomischer Bonität und Schaffung von sozialem und ökologischem Mehrwert der Investition, flächendeckendes Filialnetz, kostengünstige Kredite an den Staat, Wechsel von Währungen